Ich habe dir die Zeit erklärt, jetzt kommt der Raum an die Reihe. Diese ganze aufgeblähte Täuschung, dieser maßlose Wahrnehmungsspielplatz ist in einem einzigen Punkt enthalten. Wir selbst entschachteln ihn wie die Kulissen eines Kinderbuchs, und der Motor dieser gigantischen Schöpfung ist Unterscheidungszwang, der uns zu allem das Gegenteil suchen lässt. Kein Punkt ohne Fläche, keine Winzigkeit ohne Weite. Ohne Großes gäbe es nichts Kleines, laut nicht ohne leise, keine Schönheit ohne das Hässliche. Wir sehen Schwarzes, weil es Weißes gibt, von dem es sich abheben kann. Kein Rot ohne Blau, kein Mensch ohne Tier. Vielfalt braucht Platz, und die Welt bläst sich auf wie eine Kaugummiblase. Genau wie alle denkbaren Ereignisse in einer einzigen Sekunde Platz finden könnten, wenn sie sich entschieden, gleichzeitig stattfinden zu wollen, lebt alles Örtliche in einem Punkt. Du fragst, wie denn der Mensch Teil eines Punkts sein könne?
Frau Smutek hatte nichts gefragt und nicht mit der Wimper gezuckt.
Das Geheimnis besteht darin, dass ein kleiner Teil des Menschen außerhalb des Raumpunktes bleibt. Was außerhalb des Raums liegt, befindet sich außerhalb der Zeit, womit wir beiläufig herausgefunden haben, was die unsterbliche Seele ist. Eine Instanz muss Betrachtungen anstellen und Unterscheidungen treffen und kann nicht selbst Gegenstand dieser Betrachtungen und Unterscheidungen sein. Ein Messer kann alles schneiden außer sich selbst, ein Fuß kann nach allem treten außer nach sich selbst, ein Finger auf alles zeigen außer auf sich selbst. Wenn ich mein Gesicht im Spiegel betrachte, über das eigene Bewusstsein grübele oder mich frage, wer ich sei, bleibt immer ein Teil zurück, der sich selbst nicht fassen kann. Irgendwo in uns ist dieser letzte, winzige Krümel, der immer einen Schritt zurücktritt, wenn wir meinen, einen Blick auf ihn geworfen zu haben - denn er ist es, der blickt. Das ist die Seele, sie hat die Welt erschaffen, du kannst sie Gott nennen. Sie bleibt übrig als zwingendes Subtraktionsergebnis, wenn einer von uns stirbt. Das Universum ist erklärt. Wir können schlafen gehen...
~ Smutek aus Juli Zeh's Spieltrieb ~
Frau Smutek hatte nichts gefragt und nicht mit der Wimper gezuckt.
Das Geheimnis besteht darin, dass ein kleiner Teil des Menschen außerhalb des Raumpunktes bleibt. Was außerhalb des Raums liegt, befindet sich außerhalb der Zeit, womit wir beiläufig herausgefunden haben, was die unsterbliche Seele ist. Eine Instanz muss Betrachtungen anstellen und Unterscheidungen treffen und kann nicht selbst Gegenstand dieser Betrachtungen und Unterscheidungen sein. Ein Messer kann alles schneiden außer sich selbst, ein Fuß kann nach allem treten außer nach sich selbst, ein Finger auf alles zeigen außer auf sich selbst. Wenn ich mein Gesicht im Spiegel betrachte, über das eigene Bewusstsein grübele oder mich frage, wer ich sei, bleibt immer ein Teil zurück, der sich selbst nicht fassen kann. Irgendwo in uns ist dieser letzte, winzige Krümel, der immer einen Schritt zurücktritt, wenn wir meinen, einen Blick auf ihn geworfen zu haben - denn er ist es, der blickt. Das ist die Seele, sie hat die Welt erschaffen, du kannst sie Gott nennen. Sie bleibt übrig als zwingendes Subtraktionsergebnis, wenn einer von uns stirbt. Das Universum ist erklärt. Wir können schlafen gehen...
~ Smutek aus Juli Zeh's Spieltrieb ~
Labels: Philosophische Textauszüge
Labels: Zeichnungen
Die Zeit, musst du wissen, besteht aus unendlich vielen Schichten, von denen jede die Stärke eines Moments besitzt. Sie liegen dichter aufeinander als die Lamellen unter dem Hut eines Pilzes. Also sind alle Momente der Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig vorhanden. Zwischen zwei Schichten entstehen immer noch weitere Ebenen, das sind die Kausalketten verschmähter Zufälle, nicht eingetretener Möglichlichkeiten und abgewählter Alternativen. So stapeln sich die Stockwerke in rasanter Geschwindigkeit und Ausdehnung zu einem anwachsenden Blätterteig.
Auf der Suche nach seinem Weg schlingert unser Bewusstsein ständig zwischen den nächstgelegenen Etagen hin und her. Dabei erzeugt es eine Unschärfe, die wir verkraften, indem wir sie der notorischen Unvollkommenheit unseres Gedächtnisses zuschreiben.
Gerät einer zu weit in fremde Schichten hinaus, glaubt er, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Strauchelt er, stürzt und findet den Rückweg nicht mehr, wird er panisch umherirren und nichts mehr als zutreffend erkennen. Nichts passt mehr zusammen, nichts ergibt Sinn.
Man wird von ihm sagen: Jener ist tragischerweise verrückt geworden, er hält sich für jemanden, der er nicht ist, und glaubt an Dinge, die niemals geschahen. Die Ärzte nennen das Schizophrenie. Sie ist die Philosophin unter den Krankheiten.
Ich wollte dir sagen, dass ich in letzter Zeit häufig zwischen die Schichten geraten bin. Vielleicht geht es dir auch so und all den anderen auch.
Vielleicht gab es kürzlich ein Erdbeben im Zeitgefüge.
~ Smutek aus Juli Zeh's "Spieltrieb" ~
Auf der Suche nach seinem Weg schlingert unser Bewusstsein ständig zwischen den nächstgelegenen Etagen hin und her. Dabei erzeugt es eine Unschärfe, die wir verkraften, indem wir sie der notorischen Unvollkommenheit unseres Gedächtnisses zuschreiben.
Gerät einer zu weit in fremde Schichten hinaus, glaubt er, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Strauchelt er, stürzt und findet den Rückweg nicht mehr, wird er panisch umherirren und nichts mehr als zutreffend erkennen. Nichts passt mehr zusammen, nichts ergibt Sinn.
Man wird von ihm sagen: Jener ist tragischerweise verrückt geworden, er hält sich für jemanden, der er nicht ist, und glaubt an Dinge, die niemals geschahen. Die Ärzte nennen das Schizophrenie. Sie ist die Philosophin unter den Krankheiten.
Ich wollte dir sagen, dass ich in letzter Zeit häufig zwischen die Schichten geraten bin. Vielleicht geht es dir auch so und all den anderen auch.
Vielleicht gab es kürzlich ein Erdbeben im Zeitgefüge.
~ Smutek aus Juli Zeh's "Spieltrieb" ~
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Zwei Menschen, die, jeder auf seiner Linie, Hand in Hand durchs Leben laufen, bilden zusammen einen Vierbeiner und werden nicht stürzen, selbst wenn sie von dem Abgrund unter ihren Füßen wissen.
~ Höfi aus Juli Zeh's "Spieltrieb" ~
~ Höfi aus Juli Zeh's "Spieltrieb" ~
Labels: Philosophische Textauszüge
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