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Ein schmaler Grat...

"Manchmal halte ich mich auf dem Trennstrich zwischen den Laufbahnen, der nicht breiter ist als ein Bordstein. Ich setze Fuß vor Fuß, ohne daneben zu treten, ohne zu schwanken, ohne Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Dabei stelle ich mir vor, dieser Strich sei ein schmaler Grat, der lang gezogene First eines Bergmassivs, und links und rechts von mir ginge es tausend Meter in die Tiefe. Ich stelle mir vor, wie das von außen betrachtet aussähe. Ein winziger, bewegter Punkt hoch oben auf dem Kamm einer Felswand.
Das Leben ist eine permanente Bewegung auf diesem Strich. Solange man glaubt, es handele sich um einen Farbstreifen zwischen zwei Spuren, läuft man ruhig und sicher. Sobald man aber erkennt, dass es ein Grat ist, der über einen bodenlosen Abgrund führt, gerät man ins Straucheln und in Lebensgefahr."
"Und du hast das erkannt?"
"Ich leide unter einem Geburtsfehler. Mir fehlt die Fähigkeit, den Abgrund zu vergessen. Ich weiß nicht, ob Sie das als göttlich, teuflisch oder menschlich bezeichnen würden."

~ Ada aus Juli Zeh's "Spieltrieb" ~

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